Ich bin bin Marine-Enthusiast. In meiner Jugend habe ich sämtliche O’Brien-Schmöker verschlungen. Nelson gehört quasi zu meiner Kinderstube.
Wer sich mit maritimen Fragen beschäftigt, kommt am Thema Handel nicht vorbei. Handel ist vorteilhaft, meinen Adam Smith und die meisten Ökonomen nach ihm. 90% aller exportierten und importieren Waren kommen über das Meer. Im Jahr 2040 werden über 70% der Menschheit innerhalb von eines Küstenstreifens von 100km leben. Deshalb ist maritime Sicherheit für jeden handeltreibenden und an internationaler Sicherheit interessierten Staat eine existentielle Frage. Und deshalb geht dieses Thema auch “Landratten” etwas an.
Was aber ist zu beobachten ist im Europa dieser Tage? Genau das Gegenteil. Das Interesse der Öffentlichkeit ist gleich null, in der Politik sind sogar die “Fachidioten” nicht in der Position, eine kohärente maritime Strategie zu formulieren, die nicht von Partikularinteressen aufgeweicht würde.
Schauen wir nach Somalia. Da werden Fregatten in Marsch gesetzt, die Piraten in Dhaus jagen sollen, die sich von Fischerbooten nicht unterscheiden. Die rechtlichen Konsequenzen für einmal gefangene Piraten sind nicht geklärt. Die Schiffe haben für diese Mission keine ausreichende Sensorenaustattung. Ein Einsatz an Land ist nicht gewollt, dort herrscht Bürgerkrieg. So wird der Einsatz – ich prophezeie mal – auf Jahre vor sich hinplätschern, ähnlich wie der Einsatz am Horn von Afrika im Rahmen des “Kriegs gegen den Terror”.
Man sieht, hier sind zwei ganz unterschiedliche, aber ineinandergreifende Bereiche involviert: maritime Strategie und Materialbeschaffung.
In Deutschland gibt es ab und an ein neues “Weisbuch”, wo uns die jeweilige Regierung dann erklärt, wo sie denn die sicherheitspolitischen Herausforderungen sieht. Die Betonung liegt auf der Gegenwart. Afghanistan (welches keine Zugang zum Meer hat) bestimmt paradoxerweise auch die maritime Planung.
Eine Strategie im klassischen Sinne setzt ja Vorausdenken und einbeziehen von Eventualitäten voraus. Eine Strategie will “vordenken”. Ein Weisbuch will dies nicht leisten. Es ist im Prinzip eine erläuterte Form des Bundeswehrplans. Man erreicht X, indem ich Y bereitstelle, um Z durchzuführen, mathematisch ausgedrückt. Das nennt man dann im Fachjargon “Fähigkeiten”. Wenn die Welt so einfach wär – oder bliebe. Im Prinzip ist dies schwarz-weis gedacht.
Ein ganz krasses Beispiel dafür ist die Beschaffung der Deutschen Marine. Die U-Boote der Klasse 212, Fregatten der Klasse 125 und Korvetten der Klassen 130 und (bald) 131, sowie Einzelschiffe wie ein weiterer Einsatzgruppenversorger. Der Plan ist mit der Fregatte 125 eine landangriffsfähiges (engl. land attack) Kriegsschiff zu bauen, welches über Landzielflugkörper und Spezialkräfte verfügt. Die Korvetten sollen in Landnähe (oder engl. green water) aufklären. Die U-Boote sollen, na ja, tauchen. Der Einsatzgruppenversorger soll betanken und im Notfall medizinische Kapazitäten bereitstellen.
So blöd sich das anhört: das einzige nicht-Kampfschiff dieser Liste – der Einsatzgruppenversorger - ist das einzig strategisch Wirksame. Die Fähigkeit, medizinische Hilfe seegestützt zu leisten, war und ist ein diplomatisches und entwicklungspolitisches Pfund, welches hilft, vom Meer her Sicherheit zu erzeugen. Zu beobachten war dies nach dem Tsunami im Indischen Ozean. Die ersten vor Ort waren Briten und Amerikaner mit Schiffen für die amphibische Kriegführung, die notwendigerweise über a) Helikopter und b) über medizinische Einrichtungen verfügen. Allerdings ist die Helikopterkapazität zu klein.
Piratenjagd wird momentan mit Fregatten betrieben. Dafür wären die Korvetten der Klasse 130 eigentlich richtig dimensioniert. Hätte, ja, hätte man nicht im Beschaffungsprozess ihre wichtigste Ausrüstung – Aufklärungsdrohnen - einfach gestrichen. Ein schlechtes, zu korrigierendes Seeverhalten, unzureichende Seeausdauer, zu langsam für den Küsteneinsatz… die Mängelliste geht so weiter. Mal ganz abgesehen davon, das die in anderen Marinen an Fahrt gewinnende Modularisierung an der Klasse 130 ganz vorbeirauscht. Die Dänen sind mit STANFLEX seit ca. 20 Jahren weiter.
Ganz wild wird es, wenn man die Fregatte Klasse 125 anschaut. Oder noch besser: schauen wir uns zusätzlich noch die bereits in Dienst befindlichen Fregatten Klasse 123 und 124 an. Keines dieser Schiffe tut Dienst auf die Art und dort, wofür sie geplant wurden. Aber sie hätten im Kriegsfall ihre Aufgaben (U-Jagd und Luftabwehr). Im Prinzip ist das auch für die 125er abzusehen, nur hat dieses Schiff keinen Kernauftrag. Allein die Idee, Landzielflugkörper in Friedenszeiten einzusetzen, ist abstrus. Eine deutsche Regierung, die dies macht, ist politisch mausetot. Und im Konfliktfall dürften 8 Flugkörper eher ein Witz sein sein. Die Spezialkräfte an Bord haben vier sogenannte RHIBs (rigid hull inflatable boats), auch Schlauchboote genannt, zur Verfügung. Ich bin sicher, die Piraten mit Ihren schweren Waffen zittern vor Angst. Wer auch nur ein Einsatzfeld oder –ort für diese 7000-Tonner kennt, möge mir dies erhellen. Bis dahin gehe ich einfach vom Wahrscheinlichsten aus: exportfähige Einheiten von deutschen Werften.
Womit wir bei den U-Booten Klasse 212 sind. Wobei diese ja auch noch vertretbar sind, denn der Bau von U-Booten ist eine nur schwer wiederherzustellende technische Kapazität. Und verkaufen lassen sich die Dinger halt auch, nach Italien und Griechenland.
Ein strategischer Ansatz würde ja durchaus beim gleichen Ausgangspunkt – dem Weisbuch - starten. Dazu dann etwas Phantasie für Absehbares und die Bündnisse als Versicherung für Unvorhersehbares. Man käme sehr schnell darauf, dass man im Prinzip – wie unsere europäischen Partner – ein amphibisches Schiff benötigt. Aber es wird beim Konjunktiv bleiben. Amphibische Schiffe riechen nach Imperialismus, das würde einen Aufstand geben.
Weder Strategie und Beschaffung sind dort, wo sie sein sollten. Sie befruchten sich nicht. Konzepte wie die “Basis See” sind unausgegoren und werden aus Furcht vor der Öffentlichkeit nur hinter vorgehaltener Hand von Minderheiten propagiert. Im Prinzip – da bin ich sicher – sind die Beteiligten froh, ohne objektive öffentliche Begleitung vor sich hinwerkeln zu können. So ändert sich nix.
Was macht das so schlimm? Mit der immer stärkeren Integration der Weltwirtschaft bricht ein neues maritimes Zeitalter an. Die Aufgaben gehen weg vom Kampfauftrag zum Erzeugen maritimer – und schifffahrtstechnischer – Sicherheit. Der Kampfauftrag ist dadurch nicht weg. Deshalb ist es wichtig, das schmale Budget optimal zu nutzen, und Mehrzweckschiffe zu bauen, die sowohl humanitär als auch militärisch wirklich sinnvoll sind.